Der Tod der Weißen Frau von Lőcse

Die Weiße Frau von Lőcse ist eine der tragischsten Frauenfiguren der ungarischen Geschichte.

Die Geschichte spielt im Rahmen der folgenden drei Ereignisse:

  • Der Rákózci-Freiheitskampf (1703-11)
  • Die Belagerung von Lőcse (1709-10)
  • Der Friede von Sathmar (Szatmár) (1711)

Julianna Korponay-Géczy war schon in ihrer Zeit gebrandmarkt, und der Roman von Mór Jókai (1885) prägte sowohl für künftige Historiker als auch im allgemeinen Bewusstsein von ihr das Bild der Verräterin.

Fakt ist, dass sie in einer sehr schwierigen Lage gewesen sein muss, denn ihr Vater, Zsigmond Géczy, war schon zur Zeit des Thököly-Aufstandes Oberst der „aufständischen“ Kuruzen. Ihr Ehegatte hingegen gehörte zum Lager der kaisertreuen Labanzen, und sie selbst folgte ihrem Gatten ins Feld. Damit befand sie sich von Anfang an zwischen zwei Fronten.

Die von ihrem Mann verteidigte Burg wurde von den von ihrem Vater angeführten Truppen eingenommen.

So wie der Eroberungsfeldzug voranschritt, wurden die Güter der sich widersetzenden kaisertreuen Adligen konfisziert, damit verlor auch ihr Ehemann seine Ländereien.

Julianna, die auf beiden Seiten gute Kontakte hatte, kann tatsächlich Nachrichten zwischen der Stadt und den belagernden Österreichern vermittelt haben. Aber die Kapitulation der Burg von Lőcse war Graf István Andrássy und anderen Offizieren zu verdanken, die den Quellen zufolge ein doppeltes Spiel spielten, um ihre eigenen Besitztümer und ihr eigenes Leben zu retten.

Frau Korponay hatte schon zur Zeit des Friedens von Sathmar keinen guten Ruf. 1711 schrieb die Propagandazeitung der Kuruzen über sie wie von einem teuflischen Weibsbild, das den Grafen Andrássy umgarnt und die Stadt in die Hände der Österreicher gespielt habe. In Jókais Roman lässt sie selbst die Truppen in die Stadt ein.

Aber nicht deshalb wurde sie gefangen genommen und ihr der Prozess gemacht.

Während die Kuruzen den Widerstand und Rákóczis Rückkehr organisierten, suchte Julianna 1712 im Pressburger Hof den ungarischen Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen, János Pálffy, auf. Man habe ihr Briefe an die früheren Offiziere des Aufstandes zum Weiterleiten anvertraut. Sie nannte auch Namen, aber die Briefe übergab sie nicht. Sie wartete darauf, dass ihrem Gesuch auf Schenkung von Besitztümern stattgegeben werde.

Es stellt sich die Frage, warum sie sich auf ein solch gefährliches Spiel einließ.

Juliannas Sohn war zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt, und sie versuchte alles dafür zu tun, seine Zukunft zu sichern. Deshalb ging sie vielleicht zu weit, und sie konnte überhaupt nicht ermessen, was für politische und wirtschaftliche Kräfte ihre Situation beeinflussten und wie dünn das Eis war, auf dem sie sich bewegte.

Karl III. (der unsere Bundeslade aufstellen ließ) wurde zu dieser Zeit zum ungarischen König gekrönt, und nach der Vereinbarung von Szatmár war das Vertrauen des kaiserlichen Hofes gegenüber den Aufständischen ziemlich fragil.

Als noch das Gerücht umging, Rákóczi käme nach Pressburg, erschrak Julianna, dass sie mit ihrer Aktion auch ihren Vater in Gefahr bringt. Sie machte einen Rückzieher und verbrannte die Briefe. Nur von den Briefen an Pál Ráday kopierte sie einige und behielt einen originalen.

Der Druck des Hofes auf János Pálffy, der sie verhörte, wurde immer größer. Er verlangte die Briefe, Julianna aber versuchte Zeit zu gewinnen und begann Ausflüchte zu machen.

Da sie aber damit nichts erreichen konnte, floh sie nach Mariathal in Österreich. Aber während sie auf die Kutsche wartete, die sie nach Schlesien bringen sollte, machte sie einen Rückzieher und flüchtete nicht.

„… ich habe mich entschieden: Leben oder Tod, in ein fremdes Land gehe ich nicht (…) Egal was man mit mir tut, ich werde alle Leiden ertragen und dulden.“

Sie schrieb Pálffy, wo sie sich aufhielt, und dass sie die Briefe nicht übergeben könne, weil sie sie verbrannt habe. Am Hof hatte man inzwischen schon beschlossen, dass ein Exempel statuiert werden müsse, um eine eventuelle weitere Verschwörung zu verhindern. So befand sich Julianna schon im September 1712 in Győr in Gefangenschaft.

Aber sie kam nicht vor die Győrer Stadtrichter.

Zur Fortsetzung der Angelegenheit bestimmte das Parlament das auf Befehl des Kaisers delegierte Gericht und forderte die strengste Untersuchung, zu der auch Folter gehörte. Von dieser machten die Ankläger aber zunächst keinen Gebrauch, weil ungarische Adlige nicht gefoltert werden durften.

Julianna gestand bereitwillig, und sie nahm auch die bestellten Verteidiger nicht an, weil „sie nicht mit seiner Majestät prozessieren“ wollte.

Wegen der Pestepidemie wurde der Prozess im Frühjahr 1713 in Ungarisch-Altenburg (Magyar-Óvár) fortgesetzt, und am 22. März wurde das Urteil gefällt: Schuldig des Hochverrates wegen des Schmuggelns von geheimen Briefen (nicht in Lőcse, sondern derer, von denen sie Pálffy gesprochen hatte) und wegen der Verbindung zum Rákóczi-Lager.

Das Urteil lautete Enthauptung und Enteignung.

Einen Monat später brachte man sie zurück nach Győr, in den Kerker unter dem Rathaus.

Sie erkrankte, und man brachte sie ins Militärgefängnis. Von dort sie und bat bei den Klarissen in Tyrnau (Nagyszombat) um Asyl. Da sie aber als Verräterin galt, wurde ihr dieses verwehrt. So wartete sie vom Januar bis zum Herbst 1714 wieder in ihrer Zelle auf die Urteilsvollstreckung.

Mit der Begründung, dass Juliannas Geständnisse für viele belastend bzw. voller Widersprüche gewesen seien, ordnete Karl III. persönlich, trotz dem Protest der Richter die Folterung an. Am 22. September 1714 wurde sie „aufgezogen“. Diese Foltermethode wurde dann angewandt, wenn die Hinrichtung des Verurteilten unmittelbar bevorstand. Julianne konnte auch unter Folter nicht mehr gestehen als zum Beginn des Prozesses.

Am 25. September 1714, drei Tage nach der Folterung, wurde sie schließlich auf dem Marktplatz von Győr – dem heutigen Széchenyi-Platz – enthauptet.

Die Weiße Frau wollte die Männer in ihrem Leben schützen: ihren Vater, ihren Sohn, ihren Mann und nicht zuletzt ihren Besitz. Dafür zahlte sie am Ende mit ihrem Leben und ihrem Ruf.

 

Rehabilitation

Die Stadt Lőcse beschloss, das historische Unrecht zu revidieren. Am 300. Jahrestag der Hinrichtung der Frau Korponay – am 25. September 2014 – bat man den Nachkommen der edlen Frau, Zoltán Korponay, um Verzeihung und überreichte ihm das Dokument, in welchem das Urteil widerrufen wird.

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