Die wundertuende Herme des Ritterkönigs

Es mag interessant erscheinen, dass die beiden sakralen Schätze unserer Stadt im 17. Jahrhundert aus der Fremde zu uns gelangten, Bischöfe brachten sie mit, die auf der Flucht waren. Das Gnadenbild der tränenreichen Jungfrau stammt aus Irland, die Herme, die einen großen Teil des Schädels des Heiligen Ladislaus birgt, aus Siebenbürgen.

Den Quellen zufolge war der Ritterkönig ein groß gewachsener Mann, der andere Menschen überragte. Dank seines persönlichen Mutes in Schlachten, seiner Tugendhaftigkeit, Ehrbarkeit und tiefen Religiosität verkörperte er das Männerideal der Ritterzeit. So konnte er zum Vorbild der ungarischen Ritterkultur und des Ritterlebens werden. Mit seinen Gesetzen, seiner strengen, aber weisen Innenpolitik und raffinierten, verteidigenden, dann erobernden Außenpolitik, mit der Stärkung der ungarischen Kirche durch die großzügige Vermehrung ihrer Besitztümer spielte seine Herrschaft eine bedeutende Rolle beim Aufbau des Landes und des Nationalbewusstseins. Er war Vorbild für die ihm auf dem Thron folgenden Herrscher.

Bereits als er 1095 starb, wurde er überaus verehrt, und nachdem sein Leichnam 1113 nach Nagyvárad (Großwardein) gebracht worden war, wurde sein Grab bald zum Pilgerort. Aus seinem Leben gibt es viele Legenden, und seine Heiligsprechung etwa 100 Jahre nach seinem Tod verstärkte im gesamten Karpatenbecken erst recht den Kult um ihn.

Die originale Herme, die die Reliquie enthält, wurde in der Kathedrale von Nagyvárad – bis zu deren Verfall – bis zum 15. Jahrhundert zu Vereidigungen verwendet. Auch im Győrer Dom gab es bereits im 15. Jahrhundert einen dem Heiligen Ladislaus geweihten Altar. So war es eine große Ehre für die Stadt, als Demeter Náprági, der spätere Bischof von Győr, 1607 die Herme aus Nagyvárad mitbrachte.

Die Herme wurde in höheren Ehren gehalten als die anderen bei uns verwahrten Reliquien. Dies vertiefte Bischof Ferenc Zichy Mitte des 18. Jahrhunderts weiter. Am Anfang seiner Amtszeit hielt er zu Ehren der Herme eine acht Tage dauernde Andacht, und als der Papst eine Verringerung der kirchlichen Feiertage anordnete, „rettete“ der Bischof den Tag des Heiligen Ladislaus.

Als die Stadt 1763 von einem Erdbeben getroffen war, stellte Bischof Zichy Győr unter den Schutz des Heiligen. Die Prozession erwies sich als erfolgreich: die Gefahr war gebannt, und es entstand kein Schaden mehr. Die Prozession ist seitdem Tradition. Selbst während der Zeit der Räterepublik konnte sie von der politischen Führung nicht ausgelöscht werden. 1919 trugen die Bürger der Stadt die Reliquie.

Jedes Jahr Ende Juni, wenn sich der Todestag des Heiligen Ladislaus jährt, finden die Tage des Heiligen Ladislaus statt, die dem Ritterkönig und der Ritterzeit sowohl ein religiöses als auch ein weltliches Denkmal setzen.

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